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Konservatismus fördert Bi-Negativität und Dating-Ausschluss

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Im Fachjournal Archives of Sexual Behavior wurde soeben eine wissenschaftliche Studie veröffentlicht, die die Zusammenhänge untersuchte zwischen konservativen Einstellungen, Einstellungen zur Bisexualität und der Bereitschaft, sexuelle und partnerschaftliche Beziehungen mit Bisexuellen einzugehen. Der Titel der Studie lautet: „Conservative Beliefs, Attitudes Toward Bisexuality, and Willingness to Engage in Romantic and Sexual Activities With a Bisexual Partner“. Die Befunde zeigen, dass konservative Einstellungen zu Vorurteilen gegenüber Bisexuellen führen können, die wiederum die Bereitschaft senken können, sich auf Dating, sexuelle oder partnerschaftliche Beziehungen mit Bisexuellen einzulassen. Vermindert werden können die Vorurteile durch die tatsächliche Bekanntschaft mit Bisexuellen.

 

Auch in der Gleichklang Community stellen wir fest, dass mit 45% recht viele Mitglieder eine Partnerschaft mit einer bisexuellen Person dezidiert ausschließen. Weitere 20% können sich eine solche Partnerschaft eher nicht vorstellen. Dabei korreliert bei Gleichklang-Mitgliedern die Bereitschaft, sich auf eine Partnerschaft mit einer bisexuellen Person einzulassen, mit geringerem politischem Traditionsbewusstsein, weniger starkem Plädoyer für einen stark und strafend auftretenden Staat, erhöhter Offenheit für neue Erfahrungen und insgesamt erhöhtem politischem Interesse. Diese Ergebnisse mit Gleichklang-Mitgliedern weisen insofern Ähnlichkeiten zu den aktuellen Studienbefunden auf. Sie sprechen jedenfalls ebenfalls dafür, dass Konservatismus die Bereitschaft reduzieren kann, sich auf eine Beziehung mit einer bisexuellen Person einzulassen.

 

Allerdings sind die Zusammenhänge (dies gilt auch für die aktuelle Studie) eher nur gering bis moderat. Gerade in Anbetracht der insgesamt mit 65% doch weit verbreiteten Skepsis der Gleichklang-Mitglieder, die zudem insgesamt wenig konservativ sind, lassen sich also Vorbehalte gegenüber einer Beziehung mit einer bisexuellen Person sicherlich nicht ausschließlich und nicht einmal vorwiegend mit Konservatismus erklären.

 

Um herauszufinden, was – außer Konservatismus - zur Ablehnung einer Beziehung mit einer bisexuellen Person führen mag, haben wir soeben eine Umfrage gestartet. Dabei bitten wir zunächst, die Teilnehmenden in eigenen freien Worten zu benennen, was gegen eine Beziehung mit einer bisexuellen sprechen mag. Die Ergebnisse werden wir sodann inhaltsanalytisch auswerten und, um Anregungen und Hypothesen für Fragebogenuntersuchung mit multiple-choice Format zu gewinnen.

 

Auch wenn Konservatismus nicht alles erklären kann, sind die vorliegenden Studienbefunde dennoch bedeutsam und wir möchten die Ausgangshypothesen und die Ergebnisse der Studie daher im Folgenden genauer darstellen. Dabei beschränken wir uns auf die Hauptbefunde, vielfältige weitere Befunde, auch zu Unterschieden zwischen Heterosexuellen und Homosexuellen, können in der Studie im Original nachgelesen werden.

 

Konservatismus

Konservative halten Menschen für ungleich und plädieren daher eher gegen Versuche, eine Gesellschaft egalitär zu gestalten (geringer Egalitarismus). Sie gehen vielmehr von einer hierarchischen Gesellschaftsstruktur aus und befürworten dezidiert auch über das kapitalistische Wirtschaftssystem erzeugte ökonomische und machtbezogene Ungleichheit (soziale Dominanzorientierung). Sie plädieren in Bereichen, wie Außenpolitik, Wirtschaftspolitik, Innenpolitik oder auch Einwanderungspolitik für Maßnahmen, die bestehende nicht egalitäre Strukturen erhalten oder ausbauen sollen (politischer Konservatismus). Homosexuelle werden von Konservativen häufiger als völlig verschieden von Heterosexuellen angesehen, wobei allen Homosexuellen ähnliche Persönlichkeitsmerkmale zugeschrieben werden (Sonderrolle Homosexualität).

 

Vorurteile gegen Bisexuelle

Forschungsbefunde weisen auf das recht häufige Bestehen negativer Einstellungen gegenüber Bisexuellen in der Gesellschaft hin, wobei diese von heterosexuellen Männern und Frauen, aber auch – in geringerem Maße – von homosexuellen Männern und Frauen vertreten werden. Studien zeigen zudem, dass diese sogenannte Bi-Negativität Wohlbefinden, seelische und körperliche Gesundheit bisexueller Männer und Frauen offenbar beeinträchtigen können.

 

Beziehungsbereitschaft mit Bisexuellen

Die Frage, ob ein Mensch auch eine sexuelle oder partnerschaftliche Beziehung mit einer bisexuellen Person eingehen möchte, ist fraglos zunächst und vorwiegend Ausdruck einer legitimen individuellen Entscheidung. In der Tat ist es eine wesentliche Errungenschaft auf dem Weg zu einer freiheitlichen Gesellschaft, dass Menschen ihre Sexual- und Beziehungspartner selbst auswählen können.

 

Allerdings mag die Ablehnung einer sexuellen oder partnerschaftlichen Beziehung mit bisexuellen Menschen dann als Ausdruck einer latenten Diskriminierung gewertet werden, wenn diese Entscheidung auf der Basis von Vorurteilen und Bi-Negativität erfolgt.

 

Konservatismus und Vorurteile

Konservatismus ist ein bekannter Prädiktor für Vorurteile und diskriminierende Praktiken gegenüber verschiedensten als solche wahrgenommenen Außengruppen. Erhöhter Konservatismus geht entsprechend mit mehr rassistischen, sexistischen und homophoben Einstellungen einher. Erhöhter Konservatismus geht aber beispielsweise auch mit stärker negativen Einstellungen zu vegetarisch oder vegan lebenden Menschen einher. Der Zusammenhang zwischen Konservatismus und Fremdenfeindlichkeit wird in der Bundesrepublik Deutschland derzeit anhand des Extrembeispiels der AfD sehr deutlich. Das gleiche gilt für andere rechtspopulistische Bewegungen in den verschiedenen Ländern der Europäischen Union und anderswo.

 

Was untersuchte die Studie?

In der aktuellen Studie interessierten die Zusammenhänge zwischen den vier Aspekten des Konservatismus: Geringer Egalitarismus, soziale Dominanzorientierung, politischer Konservatismus und Sonderrolle Homosexualität mit Bi-Negativität, der Bekanntschaft mit Bisexuellen und der erfragten Bereitschaft, sich auf Dating, Sex oder eine Beziehung mit Bisexuellen einzulassen.

 

Aufgrund der bekannten Zusammenhänge zwischen Konservatismus und Vorurteilen wurde dabei als Hypothese angenommen, dass alle Merkmale des Konservatismus mit Bi-Negativität und einer geringeren Bereitschaft, sich auf Dating, Sex oder eine Beziehung mit Bisexuellen einzulassen, korrelieren. Spezifisch wurde zudem erwartet, dass sich die geringere Bereitschaft, sich auf Dating, Sex oder eine Beziehung mit Bisexuellen einzulassen, vorwiegend durch Bi-Negativität erklärt. Es wurde also angenommen, dass Konservatismus zu Bi-Negativität führt, die wiederum die Bereitschaft reduziert, sich auf Dating, Sex oder eine Beziehung mit Bisexuellen einzulassen. Für die Bekanntschaft mit einer bisexuellen Person wurde demgegenüber vermutet, dass eine solche Bekanntschaft Bi-Negativität reduzieren und dadurch die Bereitschaft für Dating, Sex und eine Beziehung mit einer bisexuellen Person erhöhen würde.

 

Bi-Negativität wurde im Sinne von geringer Toleranz gegenüber Bisexualität (z.B. moralische Verurteilung) und die Ablehnung von Bisexualität als legitime und stabile sexuelle Orientierung, die die Möglichkeit zu festen Beziehungen beinhaltet, erfasst. Für alle die erfassten Konstrukte wurden bereits wissenschaftlich vorliegende Fragebögen oder Untersuchungsansätze verwandt.

 

Hauptergebnisse

 

  • Alle vier untersuchten Komponenten des Konservatismus korrelierten signifikant mit beiden Aspekten der Bi-Negativität. Je konservativer eine Person, desto eher hält sie Bisexualität offenbar für moralisch verwerflich oder schädlich und desto weniger hält sie Bisexualität für eine legitime und stabile sexuelle Orientierung mit dem Potential für feste Bindungen.

 

  • Soziale Dominanzorientierung, politischer Konservatismus und die Betonung der Sonderrolle Homosexualität korrelierten negativ mit der Bereitschaft, sich auf Dating, Sex oder eine Beziehung mit einer bisexuellen Person einzulassen.

 

  • Beide Komponenten der Bi-Negativität korrelierten mit einer geringeren Bereitschaft, sich auf Dating, Sex oder eine Beziehung mit einer bisexuellen Person einzulassen.

 

  • Die geringere Bereitschaft Konservativer, sich auf Dating, Sex oder eine Beziehung mit einer bisexuellen Person einzulassen, konnte vollständig durch ihre stärkere Bi-Negativität erklärt werden.

 

  • Die tatsächliche Bekanntschaft mit einer bisexuellen Person reduzierte die Bi-Negativität und erhöhte die Dating- und Beziehungsbereitschaft.

 

Bewertung der Befunde

 

Die Befunde belegen, dass die mangelnde Bereitschaft, sich auf Dating, Sex oder eine Beziehung mit einer bisexuellen Person einzulassen, auch auf Vorurteile im Sinne von Bi-Negativität rückführbar ist. Diese Vorurteile werden dabei offenbar insbesondere durch allgemeinere konservative Einstellungen gefördert, die auch zu Vorurteilen und Diskriminierung gegenüber andern Personengruppen führen können.

 

Bisexuelle befinden sich in der Gesellschaft damit - ebenso wie andere Gruppierungen - in einem oppositionellen Verhältnis zu konservativen Einstellungen und politischen Kräften, wobei das oppositionelle Verhältnis nicht durch die Bisexuellen an sich, sondern durch die Einstellungen der Konservativen bedingt ist.

 

Im Sinne einer stärkeren Sichtbarkeit und besseren Akzeptanz für Bisexuelle lassen es diese Befunde als ratsam erscheinen, wenn Bisexuelle die Opposition der Konservativen annehmen und sich als Teil einer auf Emanzipation und Überwindung von Vorurteilen setzenden gesellschaftlichen Befreiungsbewegung betrachten. Dies ist auch im Sinne einer pansexuellen Gesellschaft, die allen legitimen sexuellen Orientierungen Entfaltungsmöglichkeiten und Akzeptanz gewährt.

 

Da die direkte Bekanntschaft mit Bisexuellen dazu in der Lage ist, Vorurteile abzusenken, wäre ebenfalls ein vermehrtes eigenes Outing von Bisexuellen gegenüber ihrem direktem sozialem Umfeld wünschenswert.

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