Hauptseite > Meldung, komplett

Bisexuelle und die Monogamie: Aktuelle Forschungsbefunde und psychologische Analyse

(Kommentare: 1)

Bisexualität in Aktion in einem Kunstwerk kurz nach Christi

Autor: Dr. Guido F. Gebauer Diplompsychologe bei Gleichklang, gebauer@gleichklang.de

 

Eine neue Online Studie hat die Einstellungen zu monogamen Beziehungen von heterosexuellen, homosexuellen und bisexuellen Männern und Frauen verglichen. Befragt wurden 5899 erwachsene Männer und Frauen, von denen sich 293 als bisexuell identifizierten. Die Studie ist soeben im wissenschaftlichen Fachjournal Psychology of Sexual Orientation and Gender Diversity veröffentlicht worden.

 

Ergebnisse:

 

Bisexuelle Männer und bisexuelle Frauen bewerten Monogamie als weniger förderlich als dies homosexuelle und heterosexuelle Männer und Frauen tun.

 

Bisexuelle Männer und bisexuelle Frauen bewerten Monogamie stärker als Opfer/Verzicht als dies von homosexuellen und heterosexuellen Männer und Frauen getan wird.

 

Bisexuelle Männer erleben Monogamie mehr als Opfer/Verzicht als bisexuelle Frauen.

 

-  Insgesamt bewerten bisexuelle Männer und Frauen Monogame weniger positiv als homosexuelle und heterosexuelle Männer und Frauen, auch wenn sie tatsächlich selbst in monogamen Beziehungen leben.

 

 

Was bedeuten diese Befunde und wie lassen sie sich erklären?

 

Deutlich wird aus dem Studienbefund, dass bisexuelle Männer und Frauen sich im Hinblick auf ihre Einstellungen zu Monogamie von homosexuellen und heterosexuellen Männern und Frauen unterscheiden. Bisexuelle betrachten Monogamie weniger positiv, sehen stärker den mit ihr verbundenen Verzicht und erleben Monogamie als weniger förderlich.

 

Obwohl bisexuelle Männer und Frauen weniger positiv über monogame Beziehungen denken, leben sie selbst dennoch typischerweise in monogamen Beziehungen. Es bietet sich daher die Hypothese an, dass bisexuelle Männer und Frauen sich aufgrund ihrer Bisexualität durch eine monogame Beziehungsgestaltung als stärker eingeschränkt erleben und aufgrund dieser eigenen Erfahrung zu einer kritischeren Betrachtungsweise der Monogamie gelangen.

 

Die Studienbefunde legen die Interpretation nahe, dass Bisexualität nicht lediglich die Möglichkeit zu erotisch-partnerschaftlichen Beziehungen mit Personen beiderlei Geschlechts beinhaltet, sondern über diese Möglichkeit hinaus aus der Bisexualität auch ein Bedürfnis nach erotisch-partnerschaftlichen Beziehungen mit Personen beiderlei Geschlechts entsteht. In einer traditionellen, monogamen Zweier-Beziehung ist dieser Wunsch jedoch nicht umsetzbar, so dass Unzufriedenheit mit einer monogamen Beziehungsgestaltung entsteht.

 

 

Diese Befunde entsprechen statistischen Auswertungen, die wir bei Gleichklang für die Beziehungswünsche unserer homosexuellen, bisexuellen und heterosexuellen Mitglieder vorgenommen haben:

 

 

Über die Auswertung von 14233 Mitglieder-Profilen zeige sich, dass bisexuelle Mitglieder weitaus häufiger nach einer Dreier- oder Viererbeziehung suchen als dies bei homosexuellen oder heterosexuellen Mitgliedern der Fall ist. Demnach suchen lediglich 0,75% der heterosexuellen Mitglieder und 1,6 der homosexuellen Mitglieder, aber 6,91% der bisexuellen Gleichklang-Mitglieder nach einer nicht-traditionellen Beziehung zu Dritt oder zu Viert.

 

Zusätzlich zeigen sich Geschlechtereffekte dahingehend, dass Männer eher nach einer Beziehung zu Dritt oder Viert suchen als Frauen: Bei gleichzeitiger Berücksichtigung von Geschlecht und sexueller Orientierung führen bisexuelle Männer die Rangreihe an, von denen sich 12% die Liebe zu dritt oder zu viert wünschen, gefolgt von bisexuellen Frauen (4,34%), schwulen Männern (1,75%), heterosexuellen Männern (1,67%), lesbischen Frauen (1,41%) und ganz am Ende heterosexuellen Frauen, bei denen lediglich 0,24% angeben, dass sie nach einer Beziehung mit mehr als zwei Personen suchen.

 

 

Damit ergibt sich aus einer kombinierten Berücksichtigung der Befunde der aktuellen Studie und unserer eigenen Auswertungen folgendes Bild:

 

 

Bisexuelle suchen eher nicht-traditionelle Beziehungen zu Dritt oder zu Viert als heterosexuelle oder homosexuelle Personen, wobei dies für bisexuelle Männer und für bisexuelle Frauen gilt. Dennoch sucht aber die große Mehrheit bisexueller Männer und Frauen eine traditionelle Zweierbeziehung. Mehrheitlich entsprechen die bisexuellen Gleichklang-Mitglieder insofern den homosexuellen und heterosexuellen Gleichklang-Mitgliedern. Dies stimmt überein mit dem aktuellen Studienbefund, dass bisexelle Männer und Frauen typischerweise auch tatsächlich in einer traditionellen, monogamen Zweierbeziehung leben. Das Modell der Polyamorie ist insofern keineswegs die typische Beziehungspraxis bisexeller Männer und Frauen.

 

Aus der aktuellen Studie ergeben sich Hinweise, dass innerhalb der bisexuellen Orientierung ein Streben liegt, welches mit einer traditionellen, monogamen Zweierbeziehung eigentlich nicht vereinbar ist. Jedenfalls lässt sich bei dieser Annahme psychologisch nachvollziehen, warum bisexuelle Männer und Frauen Monogamie stärker als Opfer/Verzicht erleben, sie weniger als förderlich bewerten und auch insgesamt eine weniger positive Einstellung zur Monogamie formulieren als dies homosexuelle Männer und Frauen tun.

 

Zusätzlich scheinen Männer eher für polygame Lebensweisen aufgeschlossen zu sei als Frauen, was erklärt, warum bei allen sexuellen Orienierungen in den Gleichklang-Daten die Männer häufiger nach einer Dreier- oder Viererbeziehung suchen als die Frauen.

 

 

Es sind folgende vorläufigen psychologischen Interpretationen ableitbar:

 

 

Zwar lenkt die bisexuelle Orientierung an sich in die Richtung einer Präferenz für nicht traditionelle Beziehungen zu Dritt oder Viert, die gesellschaftlich-normative Orientierung, die sich aus der gesellschaftlichen Dominanz der Monosexualität ergibt, übt aber einen starken Druck in Richtung einer monogamen Zweierbeziehung aus. Aufgrund ihrer Sozialisation durch eine monosexuelle Gesellschaft, internalisieren Bisexuelle diesen Druck und wählen dadurch mehrheitlich das Modell der traditionellen Zweierbeziehung, wobei aber auch rein esxterner, nichtinternalisierter Druck eine Rolle spielen dürfte.

 

Trotz mehrheitlicher Wahl einer traditionellen Zweierbeziehung durch bisexelle Männer und Frauen bleibt der Einfluss der bisexellen Orientierung wirksam und senkt dadurch die Zufriedenheit der betroffenen bisexuellen Männer und Frauen mit dem selbst für sich adoptierten monogamen Beziehungsmodell. Aufgrund ihrer Bisexualität erleben sie dies monogame Modell stärker als Verzicht und weniger als Bereicherung.

 

Offen bleibt das Ausmaß, in welchem die bisexelle Orientierung an sich mit dem Wunsch nach einer nicht-traditionellen Beziehung zu Dritt oder zu Viert verbunden ist. Dies bleibt nicht nur offen, weil Forschungsbefunde fehlen, sondern auch weil sich erst in einer rückhaltlos für verschiedene Beziehungsmodelle offenen Gesellschaft zeigen würde und zeigen könnte, welches Beziehungsmodell tatsächlich den Präferenzen bisexueller Menschen am Besten entspricht.  Solange aber die Gesellschaft eine starke Normierungswirkung in Richtung der monogamen Zweierbeziehung ausübt, bleibt es unklar, ob die mehrheitliche Wahl dieses Beziehungsmodells auch durch Bisexuelle allein diesem externem und internalisiertem Druck geschuldet ist, oder ob Bisexuelle auch unabhängig von der monosexuellen Gesellschaftordung für sich mehrheitlich das Modell der monogamen Zweierbeziehung annehmen würden.  

 

-  Es gibt bereits jetzt eine zwar eher kleine, aber doch signifikante Minderheit bisexeller Männer und Frauen, die für sich ein polyamoröses Beziehungsmodell angenommen haben. Die Ursachen hierfür sind mangels verfügbarer Datenlage noch unbekannt. Insgesamt sind individuelle Unterschiede und deren Erklärung bei bisexellen Menschen noch weitgehend unerforscht.

 

Feststellbar ist leider insgesamt ein durchgängiger Mangel an Forschungsbefunden über Beziehungserleben und Beziehungsmodelle bisexueller Männer und Frauen. Es besteht nach wie vor ein gesellschaftliches Desinteresse an Bisexualität, de so unsichtbar bleibt, dass selbst Wissenschaftler sich für das Erleben und Lieben bisexueller Menschen nur am Rande interessieren.

 

Das Desinteresse an Bisexualität und damit die Ausblendung einer großen Anzahl an Menschen, die diese je nach Forschungsbefunden zweit- oder dritthäufigste sexuelle Orientierung des Menschen aufweisen,  ist sogar im Bereich des boomenden Online-Dating beobachtbar. Während Facebook mittlerweile die Existenz bisexueller Menschen erkannt hat, bieten sämtliche großen Online-Partnervermittlungen bisher ausschließlich homosexuellen und heterosexuellen Singles ihre Dienste an, indem sie die einfachen Suchoptionen „Ich suche einen Mann oder eine Frau“ oder „Ich suche einen Mann und eine Frau“ ihren Mitgliedern vorenthalten. Auch dies zeigt die ausgeprägte monosexuelle Normierung, die weiterhin gesellschaftlich wirksam ist. Bisexuele bleiben eine massiv marginalisierte Bevölkerunggruppe. Änderbar wird dies nur bei einer Verstärkung von Anstrengungen für eine erhöhte Sichtbarkeit der Bisexualität in der Gesellschaft sein, wozu mehr solidarische Strukturen für Bisexuelle und mehr gesellschaftliche Unerstützung erforderlich sind.

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Jörg Lenau |

Mit fehlt hierin die Differenzierung von Bisexualität und Ambisexualität. Wie man dem Artikel entnehmen kann, werden Dreierbeziehungen als Bestandteil gleihgestellt zu den Zweierbeziehungen, wodurch sich ein ebensolches Bild ergibt.

Es gibt klare Differenzen, indem nämlich die Einen Dreierbeziehungen nicht nur anstreben, sondern auch bedingen, da das Miteinander sonst nicht funktioniert. Die Bisexualität spezifiziert sich über die beiden Konstellationen MFF und FMM. Bei Anderen hingegen ist die Grundlage die Untspezifiziertheit des Geschlechts des Gegenüber und damit verbundenen Wechsels und deklariert sich als Ambisexualität. Beide Deklarationen sind der Biologie entnommen, wo die Differenzierung 'beide Geschlecher beinhaltend' für Ersteres und 'Geschlecht wechselnd' für Letzteres lautet.